25. Februar 1883: Gründung des Volksbildungsvereins Wernigerode

Um das Verbot der SAP zu umgehen, gründeten sich überall “Volksbildungsvereine”, in denen auch politische Arbeit und Agitation betrieben wurde. Auf der ersten Versammlung des dort gegründeten “Volksbildungsvereins Wernigerode” am 25.2.1883 im Schützenhaus, sprach der Hutmacher August Heine aus Halberstadt zum Thema “Unsere Gegner unter französischer Fremdherrschaft” und über die Gründung einer Familienkasse. Die Veranstaltung war so gut besucht, dass nicht alle Teilnehmer Einlass fanden. Das “Wernigeröder Intelligenzblatt” schrieb in seinem Lokalteil in dem ihm eigenen abschätzigen und bornierten Ton: Am Sonntag, den 25. d. M. hat hier Herr August Heine aus Halberstadt im Schützenhause einen öffentlichen Vortrag über “Unsre Gegend unter Französischer Fremdherrschaft 1806-13″ gehalten, zu welcher er die Bürger und Arbeiter, sowie die geehrten Damen von Wernigerode und Umgegend ganz ergebenst eingeladen hatte. Es war auch eine Dame erschienen, sonst aber die beiden Säle gestopft voll. Herr Heine hatte ein par Genossen aus Halberstadt mitgebracht, die neben ihm die geehrten Redner waren, zur rechter Zeit das Signal zum Beifallklatschen gaben, ihm den Dank der anwesenden aussprachen, seine “Familien-, Kranken- und Sterbe-Unterstützungskasse anpriesen und empfahlen und die Namen der Abonennten auf das Sonntagsblatt notirten. Eine alte Nr desselben vom 14. Januar wurde jedem beim Einritt zur Probe gegeben, in der die Not der Rheinüberschwemmten geschildert wird. … Es scheint, als wenn es die Absicht des geehrten Redners gewesen, schon auf diese Art einleitend in den anwesenden die Gefühle der Verlassenheit, des Elends und der trostlosen Schlechtigkeit der höheren Stände zu erwecken, da in seinem Vortrage in recht sozialdemokratischer Weise fortwährend auf diese gestichelt wurde. Die Greuel der Französischen Revolution, der Soldatenverkauf nach Amerika vor mehr als 100 Jahren, Steuerfreiheit des Adels, Prügelstrafe, Folter wechselten in holdem Durcheinander mit Freiheits- und Gleichheits-Redensarten, so daß jedem urteilslosen die Sinne vor Angst vergehn müssen, im Schrecken, daß nun die Reaktion mit Folter und Menschenfleischhandel, Prügel und Adelssteuerfreiheit sogleich hereinbrechen würde – wenn nicht Herr August Heine da wäre – Es war ein jämmerlicher Anblick, die Menschen Beifall klatschen zu sehn, wenn einer von den Halberstädter Machern das Zeichen dazu gab. Ebenso einer dankte auch dem geehrten Redner, der mit lauter Stimme im Zeichen seines Angesichts sein Blech klapperte, im Namen der anwesenden für die erquickende Rede und brachte ein Hoch auf ihn aus, das willige Aufnahme fand. Alsdann kam es zum zweiten Teil des Geschäfts, der Stiftung einer “Familien-Krankenkasse”. Man muß das Gute nehmen, wenn es geboten wird, woher es auch komme. Eine dergleichen Kasse wirkt gewiß, wie jede andre Unterstützungskasse, deren wir hier ja recht viele und gut geleitete haben – recht woltätig, vorausgesetzt, daß ihre Statuten richtig und gut sind, zu welchem Zwecke sie von der Aufsichtsbehörde bestätigt werden müssen. Dann ist nötig, daß die Berechnung, welche der Einnahme und Ausgabe zu Grunde gelegt ist, richtig sei; – daß die Verwaltung und Beaufsichtigung der Kasse sachverständig, treu und strenge sei, und daß die Teilnehmer mit ihren pflichtmäßigen Beiträgen nicht zurückbleiben. Ist das alles nicht der Fall, so ist bald Zank und Stank dabei, wie gegenwärtig in Halberstadt. Und das kann hier auch ohne den Herrn August Heine besorgt werden. Derselbe, offenbar gestärkt durch die freundliche Aufnahme, versprach bald wiederzukommen, um eine Rede über die Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung zu halten. Mittlerweile empfahl er sein Sonntagsblatt, – in welchem nichts als böse Verhetzung zu finden ist und – das Lob des Herrn August Heine. Merkst du was? Der Hutmacher ist ehrgeizig. Einmal ist er als Reichstagskandidat schon durchgefallen. Was schadet das? Ein andermal machen wir es besser, – und was gemacht werden kann, wird gemacht. Ueber zwei Jahre wird ja wieder gewählt.Offenkundig empfanden die Anwesenden die Veranstaltung etwas anders als der Berichterstatter des “Wernigeröder Intelligenzblattes”, denn: Das Ergebnis dieser Versammlung war die Bildung eines einstweiligen Komitees aus allen Berufsklassen in der allerdings die Zigarrenarbeiter trotzdem überwogen, zur Gründung eines Volksbildungsvereins.

21. Juli 1883: Erste große sozialdemokratische Demonstration

Am 21. Juli 1883 kam es in Wernigerode zu einer großen und viel beachteten Demonstration: 600 Halberstädter Parteigenossen machten unter Vorantragen eines roten Regenschirms eine “Harzpartie nach dem Lindenberg, dem Mühlental und nach Hasserode, wo sie im Deutschen Kaiser endete”. Das “Wernigeröder Intelligenzblatt” verurteilte diese Kundgebung und insbesondere den Veranstalter August Heine. Es schrieb: Am vergangenen Sonntag (21.) morgen traf hier von Halberstadt Herr August Heine mit seinem “Volksbildungsverein” ein, um ein Fest mit dem “Hasseröder Volksbildungsverein” gemeinschaftlich zu feiern. Wir kennen die Mitglieder dieser sogenannten “Volksbildungsvereine” nicht und enthalten uns deshalb der Beurteilung, in wie weit ihnen Kräfte zu Gebote stehn, dem vorgeschobenen edlen Zweck zu dienen. Im allgemeinen sind wir der Ansicht, daß die Fürsorge des Staats zu diesem Zwecke vollkommen genügt; bekannt ist außerdem, daß das durch die Gesetze verhinderte öffentliche Auftreten der sozialdemokratischen Gesellschaften durch allerlei äußerlich harmlose Vereinigungen ersetzt werden soll. Offenbar war das auch der Zweck der am Sonntag ausgeführten Demonstration, die in Ermangelung der roten Fahne, mit einem großen roten Regenschirm prangte, welcher abends mit Laternen bekränzt war. Es ist das eine nicht mehr unschuldige, sondern geradezu bewußt herausfordernde Spielerei mit dem Feuer, die mehr als geeignet ist, den Frieden in der Gemeinde zu stören, wenn z. B. die Leidenschaften eines von einem ehrgeizigen Manne angeschürten Wahlkampfes hinzutreten. Es befanden sich unter der aus Halberstadt eingerückten Schaar von, wie es heißt, gegen 600 Personen, viele Frauen und Kinder und halbwüchsige Jungen. Das Blatt verstieg sich zu der Drohung: Wir machen den Herrn August Heine, der als Veranstalter der Demonstration die Verantwortung zu tragen hat, darauf aufmerksam, daß wir hier eine sehr gut organisierte freiwillige Feuerwehr haben, die – unter Umständen! – auch gefährliches Feuer in den Köpfen zu löschen bereit sein wird. Sonst verlief die Expedition harmlos. Einige, aus sicherer Ferne gegen die Ortspolizei ausgesprochene fromme Wünsche, wie “Schlagt ihn tot, haut ihn zu” bezeugten allerdings, daß mehr Bildung in diesem Verein sehr not tut. Im weiteren Verlauf wird über ein “gemütliches Familienfest” der Nöschenröder Feuerwehr und des Männerturnvereins berichtet, nicht ohne allerdings mit dem letzten Satz noch einmal die Demonstration zu verunglimpfen: Unter dem Schirme der allgemeinen Achtung, die diese Vereine (Feuerwehr und Turnverein – R. M.) stets sich zu erhalten bestrebt sind, bedürfen sie nicht der Demonstration mit dem aus Halberstadt importirten roten Narrenschirm.