SPD-Ortsverein Wernigerode feiert 125-jähriges Jubiläum

Am 11. November vor 125 Jahren wurde der Ortsverein der ältesten Partei in Wernigerode gegründet – der SPD. Und doch ist die Organisation der Sozialdemokraten nicht der am längsten bestehende Ortsverband einer politischen Partei in der Bunten Stadt, weil die SPD in der Zeit von 1933-1945 und seit der Zwangsvereinigung mit der KPD 1946 bis 1989 verboten war. Deshalb gibt es einen offiziellen SPD-Ortsverein auch „nur“ rund 68 Jahre. Doch bereits im Februar 1869 hatten sich vornehmlich Arbeiter dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), einem Vorläufer der SPD, angeschlossen. Initiator war der Wernigeröder Zigarrenmacher Fritz Jungk. Die Struktur des ADAV erlaubte jedoch keinen „Ortsverein“: Mit der Unterschrift unterstand jedes Mitglied direkt der Berliner Zentrale des ADAV. Dem im Stadtarchiv befindlichen Mitgliederverzeichnis sind bis März 1869 174 Unterschriften zu entnehmen – dann fand die Existenz des ADAV in Wernigerode weder in der Presse noch in Dokumenten Erwähnung. Im Dezember 1872 versuchte der Zigarrenmacher Gustav Schmidt im Hasseröder Schützenhaus, den ADAV erneut zu etablieren. Die Versammlung endete, laut Polizeibericht, im Streit und Tumult. Mit dem sogenannten „Sozialistengesetz“ 1878 wurden alle Organisationen der Sozialdemokratie, ihre Presse und die bereits bestehenden Gewerkschaften verboten. Um das Verbot zu umgehen, gründeten sich Arbeitergesangs- und Volksbildungsvereine, in denen auch politische Arbeit und Agitation betrieben wurde.

Auf einer Versammlung am 25. Februar 1883 im Wernigeröder Schützenhaus sprach der Hutmacher und spätere Reichstagsabgeordnete August Heine aus Halberstadt, der sich zur sozialdemokratischen Führungsfigur nicht nur im Vorharz entwickelte. Zu dieser Zeit trat auch der 1882 aus Magdeburg zugezogene Maler Albert Bartels erstmals hier auf. Im Jahr 1887 bildete sich der erste Arbeitergesangsverein in Hasserode unter dem Namen „Harmonia“. Das Gründungs-, Übungs- und Stammlokal war die „Neue Quelle“. Im Jahr 1889 wurde dann der Wernigeröder Arbeitergesangsverein „Liederbund“ gegründet, u. a. von den Sozialdemokraten Wilhelm Niewerth, Ernst Kurzberg und Karl Husung – als „Tarnung“ für ihre politische Arbeit. Mit dem Ende des längst wirkungslosen „Sozialistengesetzes“ 1890 waren legale sozialdemokratische Vereinigungen wieder möglich. Am 20. Dezember 1891 wurde der „Wernigeröder Volksbildungsverein“ neu gegründet. Das eingereichte Mitgliederverzeichnis umfasste 121 Wernigeröder, 44 Hasseröder und mit dem Steinhauer Conrad Müller einen Nöschenröder. Dieser Verein war der Vorläufer des am 03. März 1894 gebildeten „Sozialdemokratischen Diskutierklubs im Volksgarten“.

Am 20. August 1893 war der Bau des „Volksgartens“ Ecke Schmatzfelder / Feldstraße fertig gestellt. Das Lokal wurde von der Sozialdemokratischen Partei gebaut und war deren Eigentum. Es gilt zugleich als das erste (!) der sogenannten „Volkshäuser“ oder „Volksparks“ der europäischen Sozialdemokratie. Am 15. Juni 1894 gründete sich auch der Arbeiter-Turn-Verein „Vorwärts“. Solche Organisationen im Umfeld der sozialdemokratischen Partei banden das Milieu an die Sozialdemokratie und stärkten letztlich den Zusammenhalt unter den sozialdemokratisch denkenden Leuten. Die Wernigeröder Genossen konnten erstmals für den Reichstagswahlkreis Oschersleben-Halberstadt-Wernigerode für die Wahl 1898 den Kandidaten stellen. Die Kreiskonferenz am 19. September 1897 trug Albert Bartels die Kandidatur an – jedoch lehnte dieser ab. Die Wernigeröder Sozialdemokratie beteiligte sich ebenfalls 1897 im November erstmals an den Stadtverordnetenwahlen. Albert Bartels wurde als erster sozialdemokratischer Stadtverordneter gewählt. Problematisch war nach wie vor die eher lose Parteiorganisation auf Kreis- aber auch auf Gemeindeebene in der SPD. Klärung schaffte dann der SPD-Parteitag in Mainz im September 1900. Daraufhin wurde auch auf einer Kreiskonferenz am 23. September 1900 in Halberstadt beschlossen, einen Kreisverein mit selbstständigen Ortsgruppen zu schaffen. Bis dahin gab es seit 1890 ein “sozialdemokratisches Agitationskomitee des Wahlkreises Oschersleben-Halberstadt- Wernigerode”. Das Amt des örtlichen Vertrauensmannes hatte für diese zehn Jahre für Wernigerode Wilhelm Niewerth inne.

Am 11. November 1900, einem Sonntag, fand im „Volksgarten“ dann die „öffentliche Versammlung der Zahlstelle Wernigerode des Sozialdemokratischen Wahlvereins für Halberstadt, Oschersleben, Wernigerode“ statt. Die Leitung des Ortsvereins übernahmen Albert Bartels, Karl Fricke und Karl Husung. Weiterhin sind die Namen folgender Gründungsmitglieder überliefert: Karl Auerswald, Wilhelm Böhme, Karl Brämer, Karl Fischer, Ernst Foltis, Friedrich Gerecke, Karl Gerloff, Friedrich Grimpe, Heinrich Groß, Gottlieb Hahne, August Herold, Ludwig Hertzer, Karl Hohmann, Karl Jonas, Karl Krüger, Ernst Kurzberg, August Mayhack, Wilhelm Niewerth, Christian Oberbeck, Gustav Richter, Albert Riemenschneider, Friedrich Schildknecht, Ferdinand Schubert und Hermann Spankow.

Foto: Das Bild aus dem Jahr 1925 zeigt sitzend von links bekannte Wernigeröder Veteranen der Sozialdemokratie: Karl Husung, August Mayhack, Wilhelm Niewerth, Ernst Kurzberg, Max Hasertsen (rechts stehend) und Karl Fricke.